Drit­ter Ort

Innenansicht der Amerika-Gedenkbibliothek mit Klavier
dbv/Nadja Wohlleben

Bibliotheken befinden sich seit Jahren in einem fortlaufenden Transformationsprozess. Im Zuge der Digitalisierung und des Verlusts ihres Informationsmonopols entwickeln sie sich weg von der reinen Medienausleihe mit Beratung und Aktivitäten der Leseförderung hin zu einem lebendigen Erlebnisraum mit hoher Aufenthaltsqualität und vielfältigen Möglichkeiten, sich auszutauschen und weiterzubilden. Von zentraler Bedeutung für diesen Wandlungsprozess ist das Konzept des Dritten Ortes.

Das Konzept des Dritten Ortes wurde wesentlich von dem amerikanischen Raumsoziologen Ray Oldenburg geprägt. Erstmals stellte er es 1989 in seinem Buch "The Great Good Place" vor und erweiterte es in späteren Schriften. Für Oldenburg bildet der sogenannte "Dritte Ort" neben dem Zuhause ("Erster Ort") und dem Arbeitsplatz ("Zweiter Ort") einen dritten elementaren Sozialraum, der identitätsstiftend für die Menschen und ihre lokale Community ist. Einen Dritten Ort kennzeichnen u. a. folgende Merkmale:

  • Neutralität: Der Einzelne hat keine Verantwortung gegenüber den anderen, man kann kommen, sich begegnen und wieder ungezwungen auseinander gehen
  • Inklusiver Charakter: Sozialer Status ist hier nur von geringer Bedeutung. Es gibt keine besonderen Zugangsvoraussetzungen, was eine hohe gesellschaftliche Durchmischung ermöglicht
  • Gute Erreichbarkeit und Zugänglichkeit, etwa durch lange Öffnungszeiten und zentrale Lage
  • Austausch und Konversation: Der Kontakt zwischen Bürger*innen wird hier gefördert, der soziale Zusammenhalt gestärkt und das demokratische Leben angeregt
  • eine offene, positive und gelöste Atmosphäre: Für die Besucher*innen fühlt es sich wie ein zweites Zuhause an.
  • Kontinuierliche Weiterentwicklung

Der Dritte Ort in der bibliothekarischen Fachdiskussion

Auch wenn Oldenburg sich in seiner Theorie nicht explizit auf den Bibliotheksbereich bezieht, wurde sein Konzept in der internationalen Bibliothekswelt in den vergangenen zwanzig Jahren intensiv diskutiert – zunächst seit den 2000er Jahren im englischsprachigen und skandinavischen Raum, ab den 2010er Jahren dann auch in Deutschland. Dabei hat sich der Begriff von seinem ursprünglichen Bedeutungskontext gelöst und weiterentwickelt.

In der Debatte um die gesellschaftliche Relevanz der Bibliotheken und die Bibliothek der Zukunft ist der Dritte Ort zu einem Schlagwort geworden, das je nach Kontext immer auch unterschiedlich gefüllt wird. Gemeinsam ist den verschiedenen Interpretationen ein Abschied vom traditionellen Fokus auf das Verleihen von Büchern hin zu einer stärkeren Orientierung an den Bedürfnissen der Menschen, die eine konkrete Bibliothek nutzen (sollen). In diesem Zuge werden Bücher-, CD- und DVD-Regale in der Regel deutlich reduziert zugunsten von gemütlichen Sitzgelegenheiten und Raum für die Besucher*innen und ihre verschiedensten Aktivitäten.

Beteiligungsprozesse

Bereits in der Planungsphase für den Um- oder Neubau einer Bibliothek wird oft die lokale Community beteiligt, kann in Befragungen und Workshops ihre Wünsche und Erwartungen einbringen und so die Bibliothek nach ihren konkreten Bedürfnissen mitgestalten. Ob Makerspace, Gaming-Area, Medienwerkstatt, Repair-Café, Bibliotheksgarten und -café oder digitales, analoges und interaktives Veranstaltungsprogramm – Bibliotheken bieten ihren Nutzer*innen heute vielfältige Services. Dabei kooperieren sie oft auch mit anderen sozialen und kulturellen Organisationen, um für ihre Nutzer*innen ein aktuelles und abwechslungsreiches Kultur- und Weiterbildungsangebot aufstellen zu können. Die Bibliothek als Dritter Ort versteht sich als gesellschaftlicher Knotenpunkt, als ein Ort der Begegnung, des Lernens und der Inspiration, als ein Ort sozialer, kultureller und digitaler Teilhabe.

Der Deutsche Bibliotheksverband e.V. (dbv) unterstützt diese Entwicklung mit verschiedenen Projekten und Programmen: Mit dem BKM-Soforthilfeprogramm "Vor Ort für Alle" stärkt er Bibliotheken in ländlichen Räumen in ihrer Funktion als "Dritte Orte". Mit dem Digitalprogramm "WissensWandel" unterstützt er Bibliotheken und Archive im Rahmen von NEUSTART KULTUR u. a. dabei, digitale Angebote zukunftsfähig auszubauen. Mit dem Projekt "Total digital!" fördert er Bibliotheken bei kulturellen Bildungsvorhaben, die Kinder und Jugendliche dazu anregen, sich kreativ mit digitalen Medien auszudrücken, und das Qualifizierungsprojekt "Netzwerk Bibliothek Medienbildung" zielt darauf, das umfangreiche Wissen von Bibliotheksmitarbeiter*innen im Bereich der Medien- und Informationskompetenz sowie ihre praktischen Erfahrungen an lokale Multiplikator*innen aus den Bereichen Bildung, Erziehung und Soziales weiterzugeben.

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