Stellungnahme des Deutschen Bibliotheksverbands e.V. (dbv)
Im internationalen Leistungsvergleich PISA 2022 haben deutsche Schüler*innen das bisher schlechteste Ergebnis seit 2000 erzielt. Alarmierend ist aus Sicht des Deutschen Bibliotheksverbands e.V. (dbv) insbesondere das Ergebnis im Kernbereich Lesen: Etwa 26 Prozent erreichen nicht einmal das Mindestniveau.
Lesekompetenz ist das Fundament, auf der Biografien des lebenslangen Lernens errichtet werden. Oder sie verhindern. Nicht in Lesekompetenz zu investieren, führt zu gesellschaftlichen, kulturellen und wirtschaftlichen Folgekosten. Angesichts des sich verschärfenden Fachkräftemangels und der Entwicklung öffentlicher Haushalte, muss eine Strategie der kurzfristigen Maßnahmen überwunden werden. Um der alarmierenden Entwicklung im Bereich der Lesekompetenz entgegenzuwirken, fordert der dbv daher politische Entscheidungsträger*innen auf Bundes-, Landes- und kommunaler Ebene auf, grundlegende Maßnahmen zur Förderung der Lesekompetenz in die Wege zu leiten.
- Sprach- und Leseförderung von Geburt an.
Forschungsergebnisse belegen, dass das Lesenlernen nicht erst mit Eintritt in die Grundschule beginnt. Die Grundlagen für den Erwerb von Lesefähigkeit und die Lesefreude werden im Kleinkindalter gelegt. Hier muss angesetzt werden, will man gleiche Bildungschancen für alle Kinder schaffen, damit Probleme beim Kompetenzerwerb erst gar nicht entstehen. Leseförderung muss daher mit der Geburt beginnen. Eine besondere Rolle spielt das gemeinsame Betrachten von Bilderbüchern und das Vorlesen. Bibliotheken haben ihr Angebot für Familien mit Kleinkindern in den letzten Jahren deutlich ausgeweitet. Der aktuelle Vorlesemonitor der Stiftung Lesen belegt, dass der Zugang zu Lesemedien entscheidet, ob in Familien vorgelesen wird. Zusätzlich zur Bereitstellung von Büchern und digitalen Lesemedien gibt es vielfach ein eigenes Veranstaltungsprogramm für Familien mit Kindern unter sechs Jahren wie beispielsweise Bilderbuchkinos, Vorleseaktionen, Erzähltheater und Sprachspiele, die Kinder für das Lesen begeistern, ihre Sprachverständnis und ihre Konzentrationsfähigkeit fördern. Bereits existierende Veranstaltungsangebote für frühkindliche Leseförderung / Familien mit Kleinkindern in Bibliotheken müssen daher massiv ausgebaut werden. Bundesprogramme zur frühkindlichen Leseförderung, wie das vom Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) und der Stiftung Lesen durchgeführte Programm „Lesestart 1-2-3“ mit Beteiligung von Kinderärzt*innen und Bibliotheken müssen daher verstetigt werden. Zudem müssen Kooperationen zwischen Einrichtungen der Familienhilfe und anderen und Bibliotheken systematisch gefördert werden, damit alle Eltern erreicht, über die Bedeutung des Vorlesens informiert und die Bibliothek als Ort der Leseförderung kennengelernt werden.
Kinderbibliotheken benötigen mehr Personal und Mittel für ein Ausweitung der Leseförderangebote für Kinder unter sechs Jahre, Vernetzung im Sozialraum und aufsuchende Bibliotheksarbeit.
- Kitas als Orte der frühkindlichen Leseförderung in Kooperation mit Bibliotheken ausbauen.
Vor Eintritt in die Grundschule sind Kitas die Orte, an denen die meisten Kinder erreicht werden. Mit dem Wissen um die Bedeutung früher Förderung müssen Kitas als zentrale Bildungsorte verstanden und ausgestattet werden, damit nicht der Bildungshintergrund der Eltern über den Lernerfolg der Kinder entscheidet. Bibliotheken kooperieren bereits intensiv mit Kitas. Damit dies aber systematisch und verbindlich für die Leseförderung erfolgt, muss die Zusammenarbeit in den Bildungsplänen für Kitas festgeschrieben und aktiv mit Leben gefüllt werden: durch regelmäßige Besuche der Bibliothek, das Ausleihen von Medienkisten, Fortbildungen der Kita-Mitarbeitenden durch Bibliothekspersonal, Durchführung von Beratungsangeboten für Eltern etc. Die Etablierung von Standards für die Leseförderung durch Kitas und ihrer Bildungspartner wäre hier sinnvoll und wünschenswert.
- Zeitgemäße und attraktive Schulbibliotheken für jede Schule.
Schüler*innen benötigen vor Ort Räume der Medienbildung, des Lesens und des Lernens, auch außerhalb der Klassenzimmer. Jede Schule, insbesondere Schulen in Brennpunktbezirken ,benötigt eine zeitgemäße, gut ausgestattete Schulbibliothek mit hoher Aufenthaltsqualität als unterstützende Lernumgebung vor Ort mit gezielten Angeboten gerade für Schüler*innen mit erhöhtem Förderbedarf und fehlenden familiären Ressourcen: Schulbibliotheken bieten Zugang zu aktuellen analogen und digitalen Medien, Arbeitsplätzen, W-Lan, digitalen Endgeräten und Fachpersonal, das Schüler*innen betreut und begleitet und Lehrer*innen in der Unterrichtsgestaltung unterstützen kann. In Förderprogrammen für
den Schulbau sind diese grundsätzlich und entsprechend schulbibliothekarischer Standards mit zu planen und zu bauen. Bei bestehenden Gebäuden müssen Lösungen innerhalb der Räumlichkeiten gefunden oder Anbauten ermöglicht werden. Der Aus- und Aufbau von Schulbibliotheken sollte durch das geplante Startchancen-Programm des Bundesministeriums für Bildung und Forschung (BMBF) gefördert werden können. Alle Schulen benötigen darüber hinaus ein festes Budget für die Einrichtung, Ausstattung und die personelle Betreuung von
Schulbibliotheken. Ein eigenes Bundesprogramm zur Förderung von Schulbibliotheken ist daher dringend nötig.
- Schaffung eines qualitativ hochwertigen Bildungsangebots beim Ganztag durch Einbindung von Bibliotheken.
Bibliotheken bieten Kindern und Jugendlichen als nichtkommerzielle Orte außerschulischen Lernens wie auch als Räume selbstbestimmter Freizeitgestaltung vielfältige Möglichkeiten für ihre persönliche Entwicklung. Hier können Stadtbibliotheken außerhalb des Schulunterrichts und des Notendrucks positive Lektüreerfahrungen nah an den individuellen Interessen der Kinder ermöglichen und darüber Lesefreude und Lesemotivation wecken. In dieser Doppelfunktion sind sie zentrale Partner im schulischen Ganztag. Zur Förderung der Lese- und
Medienkompetenz müssen Bibliotheken bei der Umsetzung des Rechtsanspruchs auf Ganztagsbetreuung für Grundschüler*innen konsequent mitgedacht und in die Planung auf Bundes- und Landesebene einbezogen werden. Kinder- und Jugendbibliotheken müssen sichere und attraktive Orte für junge Menschen mit einem zeitgemäßen Angebot sein, die alle herkunftsunabhängig möglichst früh in ihrer Kindheit kennenlernen und im Laufe ihrer Schulzeit regelmäßig aufsuchen. Die Kommunen als Träger der Bibliotheken müssen durch
Bundes- und Landesförderung in die Lage versetzt werden, eine entsprechende Ausstattung mit Sach- und Personalmitteln sicherzustellen.
Kontakt
Dr. Holger Krimmer, Bundesgeschäftsführer
Tel.: +49 (0)30 644 98 99-10
E-Mail: dbv@bibliotheksverband.de
www.bibliotheksverband.de
www.bibliotheksportal.de