Bürgerschaftliches Engagement in Bibliotheken
Ein Handbuch für das Ehrenamts-Management. Stand: Mai 2011

11. Der Blick über den Tellerrand

Der Einsatz ehrenamtlich Tätiger ist natürlich nicht nur ein Thema in deutschen Bibliotheken. Diskussionen, neue Konzepte und Ansätze finden sich in anderen Ländern und in anderen Branchen. Es folgen ein paar Beispiele, die Impulse für die Arbeit in deutschen Bibliotheken geben können.


11.1. Bookstart Southend Libraries

Mit der Bookstart-Initiative sollen in Großbritannien Eltern und andere Erziehungsberechtigte ermutigt werden, mit ihren Kindern frühzeitig den Spaß am Lesen zu teilen. Bookstart offeriert Gratis-Bücherpakete für verschiedene Altersgruppen und in verschiedenen Sprachen inklusive Begleitmaterialien. Um möglichst viele Eltern zu erreichen, setzt die Bibliothek in Southend Freiwillige ein. Diese sprechen in Wartezimmern von Hausärzten wartende Eltern an und stellen die Initiative vor, werben für die Vorteile des gemeinsamen Lesens und vermitteln die Leistungen der Öffentlichen Bibliothek. Sie beantworten Fragen zu dem Programm und führen Umfragen dazu durch. Die Freiwilligen werden umfassend auf den Einsatz vorbereitet, um die Qualität zu gewährleisten. Auf eigene Initiative hin beteiligen sie sich mittlerweile an weiteren Bereichen des Projekts wie beim Packen der Bücherpakete und bringen ihre eigenen Ideen zur Verbesserung des Konzepts ein. Weiterführende Informationen finden Sie auf der Seite der Southend Libraries (http://www.southend.gov.uk/content.asp?section=321&content=1613).

11.2. Initiative Ehrenamt für das Badische Landesmuseum Karlsruhe

Im Herbst 2003 vereinbarten die Direktion des Karlsruher Museums und Dr. Udo Liebelt, ein pensionierter Museumsmann, das organisatorische Konzept  für ein Freiwilligenprogramm gemeinsam zu entwickeln. Das Projekt, betitelt „Initiative Ehrenamt für das Badische Landesmuseum Karlsruhe“, bezog sich u.a. auf das Leitbild des Museums mit dem Motto „Im Mittelpunkt steht der Mensch“. Ziel sollte sein, die professionelle Museumsarbeit zu unterstützen und zu ergänzen, zugleich die Museumsarbeit insgesamt stärker als bisher in der breiteren Öffentlichkeit zu verankern. Um die Konkurrenz zwischen haupt- und ehrenamtlich Tätigen nach Möglichkeit zu vermeiden, wurde vereinbart, dass Kernaufgaben des Museums dem dafür qualifizierten, hauptamtlichen Personal vorbehalten bleiben. Nach eingehender Beratung mit den Festangestellten wurden daraufhin geeignete Tätigkeitsfelder mit rund 60 Aufgaben für die ehrenamtliche Mitarbeit definiert.
Organisationsform und Koordination des Projekts orientierten sich an in- und ausländischen Best-Practice-Modellen. Nach Gewinnung der ehrenamtlich Tätigen – bei der Einladung beschränkte man sich auf die Mitglieder des Vereins der Freunde des Museums – wurden die an ehrenamtlich Tätiger Mitarbeit Interessierten zu persönlichen Gesprächen eingeladen, um deren Motive, Erwartungen und Wünsche kennen zu lernen und die angebotenen Museumsaufgaben vorzustellen. Um Unstimmigkeiten oder Konfliktsituationen zu vermeiden, wurden die Bedingungen und Inhalte der ehrenamtlich Tätigen Mitarbeit, wie z.B. Tätigkeitsfeld und Aufgaben, Schnupperzeit, Arbeitszeiten oder Leistungen des Museums, wie z.B. die Versicherung der ehrenamtlich Tätigen gegen Unfall und Haftpflichtrisiko, schriftlich vereinbart. Auch dass sich beide Seiten jederzeit und ohne Begründung aus der Vereinbarung zurückziehen können, war Teil dieser Vereinbarung. Die Leistungen der ehrenamtlich Tätigen gebührend anzuerkennen, wurde als wichtige gemeinsame Aufgabe gewertet.
Zu den Instrumenten der Organisation des Projekts gehörten Formblätter wie der „Antwortbogen für ehrenamtlich Interessierte“, die „Vereinbarung über Art und Umfang einer ehrenamtlichen Tätigkeit“, und – um zu evaluieren, warum eine Vereinbarung nicht zustande kommt – auch eine "Notiz über ein Gespräch ohne Vereinbarung mit EA-Interessierten". Im Management und bei der Formulierung der Papiere wurden Begriffe aus der institutionellen Personalverwaltung (Bewerbung, Arbeitsvertrag etc.) nach Möglichkeit vermieden. Das Projekt wurde im Januar 2005 abgeschlossen und gab den Anstoß zur Gründung des heute im deutschsprachig-europäischen Raum tätigen Netzwerk „Bürgerschaftliches Engagement im Museum“, mit Sitz in Karlsruhe (s.u.).
Seit 2005 wird die ehrenamtliche Mitarbeit im BLM Karlsruhe von Eva-Maria Schubart, weiterhin ehrenamtlich, koordiniert (Kontakt: ehrenamt@landesmuseum.de). Zurzeit ist ein Großteil der ehrenamtlich Tätigen bei pädagogischen Aktionen für Kinder und Familie im Einsatz. Hervorzuheben ist hier auch das ehrenamtliche Engagement von Lehrerinnen und Lehrern, die Unterrichtsmaterialien für den Schulklassenbesuch entwickeln. Weitere Schwerpunkte der ehrenamtlichen Mitarbeit sind der Besucherdienst bei laufenden Ausstellungen und die ehrenamtliche Unterstützung bei der Inventarisierung einer dem Museum aus Privatbesitz geschenkten volkskundlichen Sammlung.

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11.3. Boekenbende aan Huis

Nachdem seit zwei Jahren Vorlesepatinnen und -paten Kindern in der Bibliothek der Gemeinde Schaarbeck (Belgien) vorgelesen hatten, wurde das Projekt 1996 überarbeitet: Aus Boekenbende wurde Boekenbende aan Huis.
Statt in der Bibliothek lesen die ehrenamtlich Tätigen jetzt bei den Kinder zuhause vor. Einmal pro Woche und insgesamt fünfmal kommen die ehrenamtlich Tätigen. Mit der Verlegung in die häusliche Sphäre ist die Intention verbunden, dass die Kinder den Spaß am Lesen in ihrer vertrauten Umgebung erleben zu lassen. Gleichzeitig sollen auch die Eltern zugegen sein können und sehen, wie viel Spaß ihre Kinder am Vorlesen haben, um ihre Motivation, den Kindern vorzulesen, zu steigern.
Zielgruppe des Projekts sind vor allem (aber nicht ausschließlich) Kinder, in deren Familie nicht Niederländisch gesprochen wird. Die Initiatoren erhoffen sich, dass mit dem Projekt die Kinder Niederländisch nicht mehr nur mit Schule, Lernen und Anstrengung, sondern auch mit positiven Gefühlen verbinden.
Die Rolle der Bibliothek wird als Scharnierfunktion zwischen ehrenamtlich Tätigen und Familien beschrieben. So findet das erste Treffen wie auch ein Abschlussfest nach dem letzten Treffen in der Bibliothek statt. Die Familien können so die Bibliothek als Bücherquelle und Ort der professionellen Beratung kennen lernen. Die Bibliotheken erreichen über Boekenbende aan Huis Familien, die ansonsten u.a. wegen der fehlenden Sprachkenntnisse selten Kunde einer Bibliothek werden.
Nachdem das Projekt als Kooperation mit einer Bibliothek, einer Grundschule und einer Hochschule (die ehrenamtlich Tätigen sind zum großen Teil Lehramtsstudierende) startete, nehmen mittlerweile mehrere Brüsseler Gemeinden teil und ähnliche Projekte wurden in anderen belgischen Städten aufgezogen. Eine detaillierte Beschreibung des Projektes (auf Niederländisch) gibt es unter: http://www.boekenbende.be/.

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11.4. Goudanet

In Zusammenarbeit mit dem Regionalarchiv und dem Museum hat die Öffentliche Bibliothek Gouda ein Angebot erstellt, dass eine moderne Variante des ehrenamtlichen Einsatzes darstellt.
Goudanet ist eine Online-Sammlung an Informationen über die Stadt. Ähnlich wie bei Wikipedia kann jede Person, die Lust hat, einen Beitrag veröffentlichen. Allerdings werden die Autorinnen und Autoren der Beiträge immer namentlich genannt. Die Verantwortung für die Inhalte liegt bei der Bibliothek.
Mit diesem Projekt wollen die Betreiber das bisher ungenutzte Wissen der Bevölkerung über ihre Stadt öffentlich machen und der alleinigen Hoheit der Institutionen über Lokalinformationen entgegentreten. Die Bürgerinnen und Bürger werden in ihrem Gemeinschaftsgefühl bestärkt, die Bibliothek kann sich als innovative Partnerin profilieren. Weitere Informationen finden Sie unter: http://www.goudanet.nl/ 

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11.5. Die Staatsgalerie Stuttgart

Seit Ende der 1990er Jahre setzt die Staatsgalerie Stuttgart als Instrument zur Serviceverbesserung auf ehrenamtliche Tätigkeit. Dabei ist es Anspruch, dass lediglich zusätzliche Leistungen mithilfe ehrenamtlich Tätiger realisiert werden. Im Zeitraum 2004-2005 waren 95 ehrenamtlich Tätige für die Staatsgalerie tätig, in sieben verschiedenen Aufgabenbereichen:

Der größte Aufgabenbereich ist die Arbeit am Servicetisch, hier werden circa 50 Personen eingesetzt. Die Servicetische sind über die Ausstellung verteilt. Die ehrenamtlich Tätigen

  • vermitteln die richtigen Ansprechpartner als Achse zwischen Museum und Besucher
  • helfen den Besuchern bei der räumlichen Orientierung
  • stellen Kontakte zum Galerieverein "Freunde der Staatsgalerie Stuttgart" her
  • führen Aufsicht bei besonderen Aktionen wie den langen Museumsnächten

Außerdem werden ehrenamtlich Tätige zur elektronischen Inventarisierung aller Exponate eingesetzt.

Im Rahmen der Infostreuung verteilen ehrenamtlich Tätige die Quartalsprogramme an werbeträchtige Institutionen wie Verkehrsbetriebe oder Universitäten.
Im Archiv und der Bibliothek übernehmen sie Hilfstätigkeiten beispielsweise in der Medienbearbeitung.
In der Redaktion können ehrenamtlich Tätige an einem Newsletter mitarbeiten, der 2-mal im Jahr über aktuelle und zukünftige ehrenamtliche Einsätze informiert wie auch über interne Ereignisse der Staatsgalerie und den Alltag der ehrenamtlich Tätigen.
Das letzte Feld ehrenamtlich Tätiger Arbeit ist die Koordination des Einsatzes, die von einer ehrenamtlich Tätigen geleistet wird. In den Aufgabenkatalog fallen die persönliche und administrative Betreuung des Einsatzes. Die Koordinatorin ist Ansprechpartnerin für ehrenamtlich Tätige und Direktion, sie plant Anerkennungsmaßnahmen ebenso wie Schulungen und akquiriert neue ehrenamtlich Tätige und führt die Bewerbungsverfahren durch.
Die Dankeschön-Kultur der Staatsgalerie kombiniert Weiterbildung mit Anerkennung. Ehrenamtlich Tätige werden zu Presseveranstaltungen ebenso wie zu Ausstellungseröffnungen oder Exklusivführungen eingeladen. Außerdem finden verschiedene Schulungsreisen statt, die sie unter anderem zu Museen ähnlicher Größenordnung führen, die ebenfalls mit ehrenamtlich Tätigen arbeiten, um den institutsübergreifenden Erfahrungsaustausch zu ermöglichen.
Eine Evaluation des Einsatzes findet insofern statt, dass Kosten wie auch Nutzen des Einsatzes monetär beziffert werden. Für die Arbeit der ehrenamtlich Tätigen wird ein Mindeststundensatz von 7,5 Euro berechnet. Daneben wird der Nutzen, der sich aus dem Imagegewinn ebenso wie aus der Multiplikatorenfunktion ergibt, aber nicht monetär darstellen lässt, hervorgehoben.
Die Dokumentation über den ehrenamtlichen Einsatz der Staatsgalerie wird im zweijährigen Turnus erstellt. Weitere Informationen finden Sie unter http://www.staatsgalerie.de/ehrenamt/.

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11.6. Weitere Beispiele

Im Bereich des Museum Volunteering werden seit 2006 regelmäßig im netfmm-, jetzt netbem-Newsletter, herausgegeben vom Netzwerk Bürgerschaftliches Engagement im Museum, Praxisbeispiele vorgestellt. Der Newsletter ist kostenlos zu beziehen per E-Mail über newsletter@netbem.de.
Als Empfehlung an die dem Verband angeschlossenen Mitglieder und Museen gibt der Deutsche Museumsbund e.V. Anfang 2008 eine Handreichung heraus, betitelt „Bürgerschaftliches Engagement im Museum“ (Kontakt: office@museumsbund.de).

Auf den Webseiten des Instituts für Kulturpolitik der Kulturpolitischen Gesellschaft finden Sie weitere Praxisbeispiele aus verschiedenen Bereichen.

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