Bürgerschaftliches Engagement in Bibliotheken
Ein Handbuch für das Ehrenamts-Management. Stand: Mai 2011


1.1. Freiwilligenarbeit, Ehrenamt oder bürgerschaftliches Engagement?

Zwischen den Begriffen existiert keine haarscharfe Trennlinie. Sie unterscheiden sich aber im Ursprung und den damit verbundenen Konnotationen.
Das Ehrenamt im engeren Sinn geht auf ein soziales oder politisches Amt zurück, für das Bürgerinnen verpflichtet werden können - wie heute noch das Amt des Wahlhelfers oder Schöffen.
Der Begriff Freiwillige lehnt sich an den englischen Ausdruck volunteer bzw. den niederländischen Begriff vrijwilliger an.
Der Ausdruck bürgerschaftliches Engagement wird vor allem in politischen Kreisen benutzt, da mit ihm stärker die gesellschaftspolitische Bedeutung der Tätigkeit betont wird. Unter bürgerschaftlichen Engagement wird nicht nur die Freiwilligenarbeit verstanden, sondern eine Reihe weiterer Initiativen für ein im demokratischen Sinne besseres Verhältnis zwischen Bürgerinnen und Kommune. Im weitesten Sinne hat dieser Begriff die Formulierung vom gesellschaftspolitischem Engagement abgelöst.

Außerdem wird zwischen dem sogenannten „alten“ und dem „neuen“ Ehrenamt unterschieden. Damit wird einer Veränderung der Motive für das Engagement Rechnung getragen. Während früher (im „alten“ Ehrenamt) altruistische Motive wie Nächstenliebe oder soziale Verantwortung im Vordergrund standen bzw. unterstellt wurden, liegen die Motive heute deutlich stärker auch im Bereich der Eigeninteressen (Spaß an der Arbeit, Selbstverwirklichung). Dies hat auch Auswirkungen auf die Dauer des Engagements. Ehrenamtlich Tätige sind heute eher geneigt, sich in unterschiedlichen Lebensphasen auch bezogen auf ihr ehrenamtliches Engagement neu zu orientieren.
Personen, die eine solche freiwillige / ehrenamtliche / bürgerschaftliche Tätigkeit ausüben, bezeichneten sich selbst früher tendenziell eher als Freiwillige. Anhand der Daten des „Freiwilligensurvey“[2] lässt sich nun eine Entwicklung zurück zur Bezeichnung Ehrenamt erkennen. Die Herausgeber der Studie begründen dies mit dem gestiegenen Anteil von älteren Menschen am Kreis der ehrenamtlich Tätigen, da diese sich selbst eher als Ehrenamtliche denn als Freiwillige begreifen. In der Literatur werden die Begriffe letztendlich zur Beschreibung der gleichen Tätigkeit herangezogen, definiert durch folgende Kriterien:

  • Unentgeltlichkeit: Es erfolgt keine angemessene, leistungsgerechte Bezahlung.
  • Freiwilligkeit: Es gibt keinen rechtlichen oder physischen Zwang, eine ehrenamtlich Tätigkeit anzunehmen, der Einsatz erfolgt aus freiem Willen.
  • Gemeinwohlorientierung: Der Einsatz zielt auf eine Steigerung des Gemeinwohls ab. Mit diesem Kriterium erfolgt die Abgrenzung zur Selbsthilfe oder Hausarbeit für den eigenen Nutzen.
  • Öffentlichkeit: Das Engagement findet im öffentlichen Raum statt, die Teilnahme ist anderen Personen generell möglich.

In diesem Handbuch werden angelehnt an diese neuere Entwicklung hauptsächlich die Begriffe ehrenamtlich Tätige oder Ehrenamt sowie bürgerschaftliches Engagement verwendet. Das Handbuch folgt damit auch der neuen Begriffsverwendung im Positionspapier des Deutschen Bibliotheksverbandes „Bürgerschaftliches Engagement in Bibliotheken. Eine Standortbestimmung“ von 2011.

1.2. Die aktuelle Diskussion

In den letzten Jahren entstand eine intensive Diskussion über die ehrenamtliche Tätigkeit. Die Gründe für diese Welle der Aufmerksamkeit liegen in mehreren Entwicklungen.
Zum einen gab 2007 es einen Warnruf von Verbänden wie dem DRK, die sich traditionell stark auf das Engagement ehrenamtlich Tätiger stützen. Sie beklagten, dass es zunehmend weniger ehrenamtlich Tätige gäbe, die bereit seien, sich zu engagieren. Als Begründung wurden die Individualisierung der Gesellschaft und der damit verbundene Wegfall traditioneller Bindungen an Vereine, Parteien, Kirchen und anderen Interessengruppen angeführt.
Gleichzeitig wird das Thema durch die finanzielle Notlage des öffentlichen Sektors in den Fokus des allgemeinen Interesses gerückt. Kulturelle und soziale Institutionen müssen mit Kürzungen ihrer Mittel umgehen, der Einsatz ehrenamtlich Tätiger verspricht hier einen Ausweg.
Als dritter Faktor wirkt sich der demografische Wandel auf die Diskussion aus. Der Anteil von Bürgerinnen, die in der dritten Lebensphase nach dem Ausscheiden aus dem Berufsleben noch über Jahre hinweg geistig und körperlich fit sind und nach einer sinnvollen Beschäftigung suchen, steigt stetig. 70-jährige sind heute so fit wie die 65-jährigen vor 30 Jahren und verfügen gleichzeitig über einen höheren Bildungsstand, mehr finanzielle Ressourcen und freie Zeit. Hier entwickelt sich ein enormes Potenzial, das die Frage aufwirft, wie es zu nutzen ist.
Parallel erfolgt auch von Seiten der Politik eine Aufwertung der Thematik. In Deutschland wird 1999 erstmals der „Freiwilligensurvey“, eine sehr detaillierte und breit angelegte Erhebung zum Thema Freiwilliges Engagement in Deutschland, durchgeführt, 2009 folgt die dritte Runde. Die UNO ernennt das Jahr 2001 zum internationalen Jahr der Freiwilligen, um deren Arbeit zu würdigen; der fünfte Dezember wird als Internationaler Tag des Ehrenamtes festgelegt [3].
Das Jahr 2011 ist zum Europäischen Jahr der Freiwilligentätigkeit ernannt worden [4], die Europäische Union fördert mit insgesamt 11 Millionen Euro die Anerkennung und Verbreitung der ehrenamtlichen Aktivitäten und erhofft sich eine Sensibilisierung für das Thema.
Auch die Bundesregierung widmet dem Thema verstärkte Aufmerksamkeit und möchte mit der im Oktober 2010 verabschiedeten “Nationalen Engagementstrategie“[5] eine bessere Abstimmung der verschiedenen Akteure erreichen.
Hinter dieser Euphorie für das ehrenamtliche Engagement steht das Idealbild des aktivierenden Staates und des partizipierenden Bürgers in einer lebendigen "community". Dieses Bild ist stark von der US-amerikanischen Idee des Kommunitarismus geprägt. Kritiker sehen dagegen in dem vermehrten Einsatz ehrenamtlich Tätiger den Versuch des Staates, sich aus seinen Aufgaben zurückzuziehen, um so finanzielle Aufwendungen reduzieren zu können.
Diese diametralen Sichtweisen finden sich auch im bibliothekarischen Bereich wieder. Während der Einsatz einerseits als stärkere Einbeziehung der Bürgerinnen begrüßt wird, schwingt gleichzeitig immer die (leider teilweise berechtigte) Angst vor der durch Politik und Verwaltung angeordnete Ersetzung bezahlter durch unbezahlte Arbeit mit. Dementsprechend wird in den Positionspapieren des Deutschen Bibliotheksverbandes (1999 und 2011) die Ausweitung des Angebots durch ehrenamtlich Tätige sehr empfohlen und gleichzeitig vor dem Werben der Politik und Verwaltung um bürgerschaftliches Engagement als Lückenbüßer für nicht (mehr) ausreichend vorhandenes fachlich ausgebildetes Personal nachdrücklich gewarnt. Der Einsatz ehrenamtlich Tätiger in bibliothekarischen Arbeitsfeldern ist auch durch diese Gefahr des Missbrauchs immer noch umstritten und nicht frei von berufs- und tarifpolitischen Bedenken.

Bei den Bundesländern ist das Thema Ehrenamt und ehrenamtliches Engagement organisatorisch ganz unterschiedlich verankert, auch der Nachdruck, mit dem das Thema angegangen wird, differenziert stark. Die entsprechenden Webseiten der einzelnen Länder finden Sie hier aufgelistet, Stand Mai 2011:

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[2] http://www.bmfsfj.de/BMFSFJ/Service/Publikationen/publikationen,did=165004.html

[3] Mehr Informationen auf der Website der Vereinten Nationen:
http://www.un.org/en/events/volunteerday/

[4] Mehr Informationen auf der Website der Europäischen Kommission: http://europa.eu/volunteering/de/home2

[5] Mehr Information auf der Website des BMFSFJ:
http://www.bmfsfj.de/BMFSFJ/aktuelles,did=161502.html

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