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Bewerbungsformular für das Bundesweite Verzeichnis des Immateriellen Kulturerbes

Vierte Bewerbungsrunde 2019/20 | Stand 07.10.2019

Die Stiftung Lesen und der Deutsche Bibliotheksverband bereiten aktuell eine Bewerbung zur Aufnahme des „Vorlesens“ in das Bundesweite Verzeichnis des Immatriellen Kulturerbes vor und bitten um Ihre Unterstützung. In dieses Verzeichnis werden lebendige kulturelle Traditionen und Ausdrucksformen aufgenommen, die in Deutschland praktiziert und weitergegeben werden, mit dem Ziel, so zu ihrem Erhalt und ihrer Weiterentwicklung beizutragen – dem Ziel des Übereinkommens zur Erhaltung des Immatriellen Kulturerbes der UNESCO aus dem Jahr 2003.

Sie sind gerne aufgefordert, den untenstehenden Bewerbungsentwurf zu kommentieren und zu ergänzen. Bitte schicken Sie Ihre Anmerkungen an Kathrin Hartman unter: hartmann@bibliotheksverband.de

3. Art des Immateriellen Kulturerbes

Bitte den/die zutreffenden Bereich/e ankreuzen und kurz in Stichpunkten erläutern.

a) mündlich überlieferte Traditionen und Ausdrucksweisen
Stichpunkte: Lebendige Vermittlung von Literatur, Sprache, Buch- und Schriftkultur

4. Geografische Lokalisierung

Nennen Sie bitte die Ortschaft/en und/oder Region/en, in denen die Kulturform ausgeübt und gepflegt wird.

Vorlesen ist als kulturelle Praxis in allen Regionen und Kulturen verbreitet, die eine ausgeprägte Schrift- und Textkultur besitzen. Damit handelt es sich beim Vorlesen um ein weltweit relevantes immaterielles Kulturerbe, für dessen universelle Bedeutung in der lebendigen Vermittlung von Sprache und Literatur auch international bereits ein hohes Bewusstsein besteht. Zur Sicherung dieser Kulturform ist insbesondere das frühe Vorlesen für Kinder, die noch nicht selbst lesen können, von Bedeutung, da es den Grundstein für das eigene (Vor-)Lesen und damit für die Pflege und den Fortbestand des Kulturerbes legt.
Ein Beleg hierfür sind Programme zur Motivation von Eltern zum frühen Vorlesen im Anschluss an das britische Programm „Bookstart“. Aktuell werden nach diesem Modell auf allen Kontinenten mehr als 35 Initiativen umgesetzt (https://www.booktrust.org.uk/about-us/booktrust-affiliates/).
In Deutschland tragen das BMBF-geförderte bundesweite Programm „Lesestart“, regionale Ansätze wie „Buchstart Hamburg“ oder Kampagnen wie der seit 60 Jahren laufende „Vorlesewettbewerb“ und der 2004 initiierte „Bundesweite Vorlesetag“ zur Förderung des Vorlesens bei. Die große Zahl und Reichweite der Ansätze belegen die gesellschaftsübergreifende und verbindende Relevanz des (frühen) Vorlesens.

Sofern zutreffend, bitte zusätzlich ankreuzen und benennen:

  • über Deutschland hinaus weltweit verbreitet

5. Kurzbeschreibung

Die Kurzbeschreibung dient der knappen Darstellung z. B. im Internet: Es ist auf die gegenwärtige Anwendung und Praxis, das spezifische Wissen und Können, die nachweisbare Präsenz seit mehreren Generationen sowie auf Aktivitäten zur Erhaltung und Weitergabe an künftige Generationen einzugehen.

Der Begriff Vorlesen bezeichnet ganz allgemein das mündliche Vortragen schriftlich vorliegender Inhalte. Vorlesen spielt in von Schrift und Buch geprägten Kulturen neben dem Erzählen eine zentrale Rolle in der Vermittlung und Rezeption von Texten, zur Weitergabe von Geschichten sowie der Förderung von Schrift- und Buchkultur. Vorlesen als kulturelle Ausdrucksform ist vom reinen Verlesen von Texten zu unterscheiden.
Der vorliegende Antrag fokussiert das gestaltende Vorlesen literarischer Texte und aufgrund seiner Bedeutung insbesondere das frühe Vorlesen für Kinder, die noch nicht selbst lesen können oder gerade ihre ersten eigenen Leseerfahrungen machen. Zwar werden beim Vorlesen immer kulturell wertvolle und schützenswerte identitätsstiftende Textformen und Inhalte vermittelt. Das Vorlesen von Erwachsenen für andere erwachsene Personen in kulturell-künstlerischen Kontexten (z. B. Autorenlesungen) unterscheidet sich aber insofern vom Vorlesen für Kinder, als dass die Zuhörenden in der Regel bereits einen Zugang zu den Inhalten und ihrer Bedeutung besitzen. Das Vorlesen dient hier vor allem dem Teilen einer gemeinsamen Leseerfahrung und der Selbstvergewisserung, Bestätigung und Verstärkung.
Das frühe Vorlesen für Kinder, die (noch) nicht selbst lesen können, besitzt im Unterschied dazu noch eine tiefer liegende Bedeutung: Im Sinne des immateriellen Kulturerbes werden Zugänge zu textbasierten kulturellen Inhalten und literarischen Topoi von Generation zu Generation geschaffen, die ohne das Vorlesen nicht bestünden. Durch das frühe Vorlesen wird zudem die Voraussetzung für die Teilhabe an der Vorlesepraxis in kulturellen Kontexten im Erwachsenenalter geschaffen. Es motiviert u. a. über die Auswahl eines Textes zur Kommunikation über das Vorgelesene, die inhaltlich über den gelesenen Text hinausgeht, ihn verarbeitet und weiterdenkt. So leistet das frühe Vorlesen für Kinder eine zentrale Rolle in der Vermittlung und Verankerung von Sprache und textbasierten Inhalten. Dazu gehören vor allem Geschichten, die menschliches Handeln und reales oder fiktives Geschehen in narrativen Strukturen weitergeben.
Wichtige Akteure für das frühe Vorlesen sind Eltern und Großeltern oder ältere Geschwister, die die generationsübergreifende Relevanz der Ausdrucksform prägen. Außerhalb der Familien zählen Fachkräfte in Kindertagesstätten, Lehrkräfte und ehrenamtlich Engagierte, die z. B. in Bibliotheken und Kindertageseinrichtungen vorlesen, zu den zentralen Vorlesepersonen für Kinder. Das Vorlesen erfolgt im privaten, halb-öffentlichen und öffentlichen Raum. Für Erwachsene sind neben dem privaten Vorlesen im Familien- und Freundeskreis vor allem Autor*innenlesungen auf literarischen Veranstaltungen von Bedeutung.
Grundsätzlich kann jede Person vorlesen, die flüssig lesen und sprechen kann. Zentral ist das Verständnis von Vorlesen als Interaktion zwischen (vor-) lesenden und zuhörenden Personen auf Grundlage eines Textes. Dafür ist das gestaltende, sinnunterstreichende Vorlesen Voraussetzung: Durch Tempo und Rhythmus, Lautstärke, Betonung und Stimmhöhe sowie der Variation der Stimmen, die der Vorlesende den verschiedenen Figuren gibt, wird das Vorlesen eines Textes je nach Person, die liest, anders ausgestaltet. Ähnlich den performativen Künsten ist das Vorlesen von seinem Live-Charakter geprägt: Vorlesen ist ein zeitlich begrenztes, also transitorisches Ereignis. Die temporäre Einmaligkeit in Verbindung mit der räumlichen Nähe des Vorlesenden zu den Zuhörenden lässt jedes Vorlesen zu einem lebendigen Ereignis werden. Die Zuhörenden werden dabei nicht nur rein intellektuell durch Sprache oder Inhalte des gelesenen Texts, sondern auch emotional angesprochen. Das Publikum ist Voraussetzung und aktiver Teil des Vorleseakts, der immer auch eine soziale Erfahrung ist. Im Zusammenspiel zwischen dem Lesevortrag und dem Zuhören entfalten sich Sinn und Wirkung des Vorlesens: das Geschriebene wird durch die interpretierende Wiedergabe des Vorlesende und der Imagination des Zuhörenden wahrgenommen, verarbeitet und reflektiert.
Bedroht ist die Praxis des Vorlesens vor allem durch fehlende bzw. zu geringe Lesekompetenzen sowie durch fehlendes bzw. zu geringes Bewusstsein für seine Bedeutung. Mit der Aufnahme des Vorlesens in das Bundesweite Verzeichnis des Immateriellen Kulturerbes sind Schutz und Erhaltung einer in mehrfacher Hinsicht grundlegenden und über Generationen und Kulturen hinweg bedeutsamen, universellen Ausdrucksform gewährleistet.

6. Beschreibung der Kulturform

a) Heutige Praxis

Beschreiben Sie bitte die heutige Praxis und Anwendung der lebendigen Kulturform – die Motivation der Aus-/Aufführung, die Techniken, die Regeln etc. sowie die Bedeutung der Kulturform für die betreffende/n Gemeinschaft/en. Beschreiben Sie dabei bitte auch den identitätsstiftenden Charakter.

Das Vorlesen stiftet als soziale Praxis generationsübergreifend Austausch und Gemeinschaft. Durch die aktive Vermittlung von Literatur sowie die geteilte ästhetische Erfahrung mit anderen befördert das Vorlesen Zugehörigkeit, Zeitgenossenschaft und verbindet mit zentralen Menschheitsfragen. Das Vorlesen dient der gemeinsamen Rezeption und dem Gespräch über Bücher.
Mit der Digitalisierung ändern sich Freizeitgewohnheiten und Leseverhalten Erwachsener. Seit 2014 ist der Anteil junger Erwachsener, die Bücher lesen, leicht zurückgegangen. Gleichzeitig erfreuen sich literarische Veranstaltungen, auf denen vorgelesen wird, großer Beliebtheit. Damit scheint der soziale Aspekt der Lesekultur und damit das Vorlesen an Bedeutung zu gewinnen. Neben Autor*innen, die aus ihren eigenen Werken lesen, sind Schauspieler*innen und Lesekünstler*innen zentral für das Vorlesen für Erwachsene. Neben dem live Vorlesen auf Veranstaltungen wächst auch der Markt für Hörbücher.
Frühes Vorlesen für Kinder gibt Inhalte auf der Grundlage von Texten weiter und macht diese im Gespräch, spielerisch und kreativ für ihre sprachliche und persönliche Entwicklung fruchtbar. Vorlesen ist für Kinder von Geburt an bedeutsam.
Zentraler Ort für das frühe Vorlesen ist die Familie: Eltern, Großeltern und ältere Geschwister lesen Kindern vor, die selbst noch nicht lesen können oder Leseanfänger sind, oft als Ritual im Familienalltag. Mit dem Wandel der Familienstrukturen sind nicht alle familiären Akteure für alle Kinder als Vorlesepersonen präsent. In fast jeder dritten Familie in Deutschland lesen Eltern ihren Kindern nicht oder zu selten vor. Ein Grund dafür ist häufig ein fehlendes Bewusstsein für die Bedeutung des frühen Vorlesens.
Kinder erhalten außerdem Vorleseimpulse durch Fachkräfte in Kindertagesstätten und Schulen sowie über ein großes Netzwerk von eigens dafür ausgebildeten Ehrenamtlichen, die in Bibliotheken und an anderen außerschulischen Orten Kindern vorlesen.

b) Weitergabe von Wissen und Können

Bitte erläutern Sie, welches spezifische Wissen und Können im Rahmen der Kulturform genutzt und weitergegeben wird.

Alle Personen, die lesen können, sind potentielle Vorlesende. Neben der Kenntnis von Literatur und der passenden Textauswahl sind Ausdrucksfähigkeit und Bereitschaft zum lauten Lesen sowie ein Bewusstsein für die Bedeutung des Vorlesens relevant. Damit das Vorlesen als kommunikative Interaktion zwischen dem Vorlesenden und dem/den Zuhörenden glückt, ist eine konzentrierte Atmosphäre in geeigneter Umgebung erforderlich. Der Vorlesende ist idealerweise mit dem Text vertraut und dadurch in der Lage, den Inhalt mit Stimme und ggf. Gestik und Mimik sinnbetonend und lebendig vorzutragen, so dass das Verständnis der Inhalte unterstützt wird und innere Bilder entstehen können. Professionell vorlesende Schauspieler*innen und Sprecher*innen haben meist eine entsprechende Stimmschulung durchlaufen, aber grundsätzlich kann jede/-r ohne Vorbildung gut vorlesen, wenn er bzw. sie sich der Stilmittel bewusst ist und diese einsetzen kann, sowie Übung im lauten Lesen hat. Für Ehrenamtliche stellt das Netzwerk Vorlesen Informationen und Hinweise auf Seminare zum Thema auf seiner Internetseite bereit.
Mit dem frühen Vorlesen legen Eltern, Familienmitglieder und andere Bezugspersonen eine entscheidende Grundlage für Spracherwerb, Lesenlernen und Welterfahrung von Kindern. Durch Vorlesen vermitteln sie die Vielfalt sprachlicher Ausdrucksmöglichkeiten, literarischer Themen, Ideen und Fragen des Menschseins. Damit eröffnet das Vorlesen Kindern einen kulturellen Resonanzraum und initialen Zugang zur Schrift- und Buchkultur. Gleichzeitig erwerben sie durch das aktive Zuhören bereits selbst (erste) Kompetenzen für das eigene Lesen und Schreiben, ihren Umgang mit Sprache und die Verarbeitung von Information. Die Vorlesenden dienen einerseits als „Medien“ für die transportierten textlichen Inhalte und Informationen, gleichzeitig geben sie mit dieser kulturellen Praxis entscheidende Impulse für das eigene (Vor-) Lesen-Können der zuhörenden Kinder.

c) Entstehung und Wandel

Geben Sie bitte an, wann und wie die Kulturform entstanden ist, wie sie sich im Laufe der Zeit verändert hat, und wie sie von Generation zu Generation weitergegeben wird und damit Kontinuität vermittelt.

Vorlesen hat sich mit der Verbreitung von Schriftsprache als kulturelle Praxis mit universeller Bedeutung etabliert.
Vorlesen war bereits in der Antike verbreitet. Aufgrund mangelnder Lesefähigkeit und fehlendem Zugang zu Texten war das (Vor-)Lesen lange Zeit privilegierten Schichten vorbehalten, öffentliches Vorlesen diente Bildungszwecken und Unterhaltung. Mit Erfindung des Buchdrucks konnten Texte in hoher Auflage produziert werden. Reformation und christliche Mission trieben die Alphabetisierung voran. Mit Aufbau eines systematischen Bildungssystems wurde Lesefähigkeit im 19. Jh. zur Basiskompetenz aller Schichten. In adligen und bürgerlichen Kreisen wurde das Vorlesen in Salons, der Familie und mit Bekannten gepflegt und diente dem gesellschaftlichen Gespräch über Literatur. Durch Lesungen in Literaturhäusern, Buchhandlungen, Bibliotheken und Literaturfestivals wird die Tradition der öffentlichen Lesung bis heute gepflegt.
Vorlesen für Kinder spielte bereits während der Aufklärung in bürgerlichen Familien eine Rolle. Hier diente es v. a. der Vermittlung von Moral- und Wertvorstellungen. Es war primär Erziehungshilfe und schon prägender Bestandteil des Aufwachsens von Kindern.
Ab dem 19. Jh. entwickelte sich eine eigene Kinderliteratur. Die Weitergabe der Kinderbuchtradition prägt die Vorlesekultur. Hinzu kommen Inhalte, die aktuelle Entwicklungen der Gesellschaft und Fragen nach kultureller wie individueller Identität aufgreifen. Das Vorlesen erhielt zunehmend eine integrierende Funktion, die Kindern Einblick in unterschiedliche Kultur- und Sprachräume gibt und sie in ihrer Identitätsentwicklung unterstützt.
Drei Faktoren nehmen Einfluss auf das Vorlesen: Veränderte Familienstrukturen lassen außerfamiliäre Akteure bedeutsamer werden. Der Zuzug von Familien anderer Herkunftsländer und -sprachen verändert die Ausgangsbedingungen der Förderung des Vorlesens. Durch Digitalisierung entstehen Herausforderungen, aber auch Chancen, Vorlesen noch vielfältiger zu gestalten.

d) Reflexion der Geschichte und der Entwicklung

Bitte gehen Sie nachfolgend kritisch-reflektierend auf die Geschichte der Kulturform ein, besonders zur Zeit des Nationalsozialismus, aber auch hinsichtlich des Mittelalter, der deutschen Kaiserzeit, des Kolonialismus und/oder der SED-Diktatur. Thematisieren Sie ebenfalls – falls zutreffend – aktuelle gesellschaftliche Debatten oder Kontroversen im Zusammenhang mit der Ausübung der Kulturform.

Das Vorlesen als kulturelle Praxis bedarf geschriebener Texte - neben Klassikern sind das zeitgenössische Werke. Das Vorlesen hatte historisch neben der Erbauung auch immer die Funktion, erzieherisch zu wirken und gängige Moralvorstellungen zu transportieren. Gerade in Diktaturen wird Literatur dazu instrumentalisiert, die herrschende Ideologie zu vermitteln und die Bevölkerung im Sinne der jeweiligen Gesellschaftslehre zu erziehen. Durch das Vorlesen ideologisch gefärbter Geschichten können insbesondere Kinder sehr früh indoktriniert werden, weshalb sich repressive Regimes aktiv für die Förderung und Verbreitung ideologiekonformer Literatur einsetzen. Texte, die dem nicht entsprechen, sind in der Regel nicht verfügbar, ihr Besitz und Verbreitung strafbar.
Die während des Nationalsozialismus verlegte (Kinder- und Jugend-)literatur diente der Verbreitung des ideologischen Weltbildes des Nationalsozialismus und prägte so eine ganze Generation. Durch den Akt des Vorlesens wurden die vermittelten rassistischen Inhalte zusätzlich legitimiert. Gerade das frühe Vorlesen konnte damit zur Verbreitung von Propaganda beitragen.
Auch in der DDR wurde die (Kinder- und Jugend-)Literatur als Instrument zur Erziehung der Bevölkerung und der  heranwachsenden Generationen angesehen. Der Staat förderte eine pädagogisch funktionale sozialistische Literatur. Es wurden zahlreiche Kinderbuchverlage gegründet, die neue Bücher druckten, deren Vermittlung, auch die Jugendorganisationen unterstützten.
Das Vorlesen erhielt in jüngerer Zeit zunehmend eine bewusst demokratiefördernde und integrierende Funktion, die Kindern Einblick in unterschiedliche Kulturräume gibt, und sie in ihrer eigenen Identitätsentwicklung unterstützt. Dies gelingt vor allem, wenn Vorlesen in möglichst allen Bevölkerungsschichten selbstverständlicher Bestandteil des Aufwachsens von Kindern ist. Dazu bedarf es einer gesamtgesellschaftlichen Aufmerksamkeit für das Vorlesen als immaterielles Kulturerbe.

e) Wirkung

Beschreiben Sie bitte, welche Wirkung die Kulturform außerhalb ihrer Gemeinschaft/en oder Gruppe/n hat. Falls vorhanden, nennen Sie Aktivitäten des Kunstschaffens und der Populärkultur, die auf die Kulturform Bezug nehmen. Falls anwendbar, stellen Sie bitte auch Aspekte der sozialen, ökonomischen und ökologischen Nachhaltigkeit sowie des Tier- und/oder Naturschutzes dar, die bei der Ausübung der Kulturform eine Rolle spielen.

Als bedeutende kulturelle Praxis aller Schriftkulturen fördert Vorlesen Kompetenzen, die für die Selbsterfahrung. Weltwahrnehmung und Bildungserfolg, Persönlichkeitsentwicklung und soziales Verhalten Voraussetzungen sind.
Vorlesen vermittelt sprachliche Strukturen, fördert Wortschatz und Ausdrucksfähigkeit, Fantasie, Empathie, soziales Handeln sowie das Verständnis von der Welt. Abenteuer, alltägliche und außergewöhnliche Vorgänge, in denen Figuren beispielhaft handeln, Probleme lösen, scheitern oder andere prägende Lebensereignisse durchlaufen, fördern die Vorstellungskraft, vermitteln Rollenmodelle und Handlungsmöglichkeiten. Das soziale und kulturelle Repertoire schärft die eigene Rollenwahrnehmung und das Selbstverständnis, auch im interkulturellen Kontext.
An den Wirkmechanismen sind drei Komponenten beteiligt: die sprachlichen Impulse, die literarischen, kulturellen und anthropologischen Topoi und der dialogische Charakter des Vorlesens, der Inhalte auf Alltagssituationen zu übertragen hilft. Das soziale Erleben der gemeinschaftlichen Rezeption von Literatur zwischen Vorlesenden und Zuhörenden wirkt zudem identitätsstiftend.
Frühes Vorlesen begünstigt die ganzheitliche Entwicklung von Kindern, verbessert Bildungs- und Teilhabechancen. Vorlesen führt Kinder an die Buch- und Schriftkultur heran, es fördert ihre Freude am Lesen, Verständnis für Textgattungen, Erzählstile und Möglichkeiten der literarischen Verarbeitung von Themen.

f) Europabezug

Bitte erläutern Sie, falls vorhanden, mit welchen Traditionen die Kulturform in anderen europäischen Ländern in Verbindung steht, wie sich dies auf die Entwicklung der Kulturform auswirkt(e) und welche Formen der grenzüberschreitenden Zusammenarbeit heute bestehen.

Alle europäischen Länder besitzen eine ausgeprägte Schrift- und Buchkultur und damit die zentrale Voraussetzung für eine große Vorlesetradition. Gerade die Sprachenvielfalt prägt das literarische Leben in Europa nachhaltig. Übersetzungsförderung ermöglicht die Verbreitung thematisch und kulturell vielfältiger Literatur über die Grenzen hinweg, so dass für das Vorlesen immer neue ansprechende Texte entstehen und Bucherfolge aus anderen europäischen Ländern auch in Deutschland verfügbar sind. Initiativen wie das im Jahr 2000 gegründete Netzwerk EU Read verbinden lesefördernde Organisationen aus ganz Europa. Die EU Read-Mitglieder setzen sich europaweit auch für das frühe Vorlesen ein, z. B. mit der Aktion „Europe reads“, die in den Ländern aller Mitgliedsorganisationen stattfindet. Das in Großbritannien entwickelte Programm „Bookstart“ zur Förderung des frühen Vorlesens in Familien war Vorlage für ähnliche Initiativen in zahlreichen anderen europäischen Ländern, u. a. auch für die bundesweiten „Lesestart“-Programme in Deutschland oder regionale Initiativen wie „Buchstart“ in Hamburg. Die europäischen Kulturinstitute fördern das Vorlesen ebenfalls durch zahlreiche Veranstaltungen und Lesungen mit Autor*innen im Ausland, ebenso wie internationale Literaturprojekte und Literaturfestivals wie beispielsweise das ilb – Internationale Literaturfestival Berlin.

7. Gemeinschaften und Gruppen sowie Art ihrer Beteiligung

a) Eingebundene Gemeinschaften, Gruppen und Einzelpersonen

Nennen Sie bitte die Kulturerbeträger/innen und ihre Aktivitäten. Nennen Sie ggf. ihre Organisationsform, die ungefähre Zahl der heute Praktizierenden sowie deren Bedeutung für den Erhalt der Kulturform.

Kulturerbeträger*innen des frühen Vorlesens sind alle Eltern von Kindern, die noch nicht selbst lesen können oder Leseanfänger sind, sowie alle Akteure, die mit der Betreuung, Erziehung und Bildung von Kindern betraut sind. Die Kinder selbst bilden die jeweils nachwachsende nächste Generation von Kulturerbeträger*innen, die diese Rolle als zukünftige Eltern vor allem dann mit einiger Wahrscheinlichkeit ausfüllen werden, wenn ihnen selbst von ihren Eltern vorgelesen worden ist.
Studien belegen, dass die Wirksamkeit des Vorlesens als Vermittlungsform für sprachliche, literarische und im weitesten Sinne soziale und kulturelle Kompetenzen von der Regelmäßigkeit und Intensität seiner praktischen Umsetzung abhängt. Dies legt eine Unterscheidung von primären und sekundären Kulturerbeträger*innen nahe: Primäre Kulturerbeträger*innen sind alle Eltern und Familien von Kindern, die noch nicht flüssig lesen können. Nach Zahlen aus dem Jahr 2018 sind damit in Deutschland die Eltern und Familien von rund 5,5 Millionen Kindern gemeint, die zwischen 2012 und 2018 zur Welt gekommen sind.
Als sekundäre Kulturerbeträger*innen können Personen betrachtet werden, die Kinder individuell oder in organisierter Weise betreuen, erziehen und ihnen Bildung vermitteln. Dazu gehören Fachkräfte in der Tagespflege und -betreuung, Kita-Fachkräfte, Lehrkräfte, pädagogische Fachkräfte in Bibliotheken ebenso wie ehrenamtlich Engagierte, die Kindern in Einrichtungen vorlesen. Ehrenamtliche, die sich für das Vorlesen engagieren, sind z. T. in Netzwerken organisiert. Das Netzwerk Vorlesen der Stiftung Lesen umfasst mehr als 425 regionale Netzwerke, Einrichtungen und Initiativen mit schätzungsweise 25 bis 30 Tausend ehrenamtlich tätigen Personen, die regelmäßig Kindern (und anderen Zielgruppen, z. B. Senioren) vorlesen.
Das Vorlesen für Erwachsene findet außerhalb privater Räume, in denen Familienmitglieder und Freunde sich ggf. sogar gegenseitig vorlesen, vor allem in halb-öffentlichen und öffentlichen Veranstaltungen statt, in Salons, Buchhandlungen, Bibliotheken, Literaturhäusern und andere Kultur- und Bildungsinstitutionen. Hier lesen die Autor*innen entweder selbst aus ihren Werken oder geübte Personen mit professionellem Hintergrund – meist ausgebildete Sprecher*innen und Schauspieler*innen.

b) Zugang und Beteiligung an der Kulturform

Bitte erläutern Sie, ob die Teilnahme an der Kulturform allen Interessierten grundsätzlich offensteht. Sollte es Einschränkungen geben, beschreiben Sie diese bitte.

Frühes Vorlesen ist für Kinder in erster Linie eine Erfahrung, die sie in der Familie machen. Deshalb spielen Eltern eine entscheidende Rolle dafür, ob ihre Kinder Zugang zum Vorlesen erhalten. Idealer Weise lesen Mütter und Väter ihren Kindern gleichermaßen vor, faktisch sind Mütter meist die zentralen Vorlesepersonen.
Außerhalb der Familien haben Kinder Zugang zu Vorleseangeboten in Betreuungseinrichtungen, häufig in der Schule. Im außerschulischen Kontext spielen öffentliche Kultur- und Bildungseinrichtungen wie Bibliotheken eine zentrale Rolle. Hinzu kommen Akteure der kulturellen Kinder- und Jugendarbeit, z. T. auch Buchhandlungen.
Als Vorlesepersonen sind Tageseltern, pädagogische und bibliothekarische Fachkräfte, Kulturschaffende und Ehrenamtliche wichtige Akteure, die Zugänge zum Vorlesen schaffen. Grundsätzlich können alle Personen, die über ausreichende Lesekompetenzen verfügen und sich adäquat artikulieren können, Kindern vorlesen.
Öffentliche Vorleseaktionen, die gesellschaftliche und politische Aufmerksamkeit und Engagement für die Bedeutung des (frühen) Vorlesens generieren, werden von vielen Akteuren punktuell umgesetzt, so z. B. der Bundesweite Vorlesetag jährlich im November.
Für öffentliche Lesungen für Erwachsene werden meist Eintrittsgelder erhoben. Privates Vorlesen lässt sich im Freundes- und Bekanntenkreis selbst initiieren. Personen, die als funktionale Analphabeten in Deutschland gelten (ca. 7, 5 Millionen Menschen), sind darauf angewiesen, dass ihnen vorgelesen wird und können die Kulturform nicht selbst aktiv ausüben.

c) Beteiligung an der Bewerbung

Beschreiben Sie bitte, in welcher Form sich die Trägerinnen und Träger der Kulturform an dieser Bewerbung beteiligen konnten und wie diese Möglichkeiten genutzt wurden. Sind ggf. Kontakte zu anderen Gemeinschaften, Gruppen und Einzelpersonen aufgenommen worden?

Träger der Bewerbung sind die Stiftung Lesen und der Deutsche Bibliotheksverband e.V. (dbv).
Die Stiftung Lesen fördert mit zahlreichen Programmen und Angeboten das Vorlesen als zentrale Voraussetzung für den Zugang von Kindern zum Lesen und zu Lesemedien. Die Stiftung Lesen motiviert Eltern im Rahmen der bundesweiten „Lesestart“-Initiative des BMBF, mit Buch- und Medienempfehlungen sowie – gemeinsam mit der Deutsche Bahn Stiftung – kostenlosen digital verfügbaren Vorlesegeschichten (einfachvorlesen.de). Sie unterstützt über das Netzwerk Vorlesen bundesweit ehrenamtliche Vorleseinitiativen und stellt Kitafachkräften in Weiterbildungsangeboten Knowhow und Vorlesematerialien zur Verfügung. Lehrkräfte erhalten über die Angebote des „Lehrerclubs“ der Stiftung Lesen Anregungen. Politische Akteure, Multiplikatoren, Prominente und engagierte Bürger*innen engagieren sich in Kampagnen und Aktionen zur Unterstützung des Vorlesens als gesamtgesellschaftliche Aufgabe.
Der Deutsche Bibliotheksverband vertritt mit seinen mehr als 2.100 Mitgliedern bundesweit rund 10.000 Bibliotheken mit 25.000 Beschäftigten und 11 Mio. Nutzer*innen. Als politische Interessensvertretung unterstützt der dbv die Bibliotheken, insbesondere auf den Feldern Informationskompetenz und Medienbildung, Leseförderung und bei der Ermöglichung kultureller und gesellschaftlicher Teilhabe für alle Bürger*innen. Der Verband fördert das (frühe) Vorlesen mit zahlreichen Projekten und Programmen. U. a. vergibt der dbv 2019 erstmals mit dem Börsenverein des Deutschen Buchhandels das Gütesiegel Buchkindergarten, das exzellente frühe Leseförderung in Kitas auszeichnet.
Stiftung Lesen und dbv stehen stellvertretend für die Initiativen und Einrichtungen, die das Vorlesen lokal, regional und überregional unterstützen und fördern. Dies sind – über das Netzwerk Vorlesen hinaus – auch alle Akteure, die im Umfeld der Bibliotheken, Buchhandlungen und Verlage das Vorlesen unterstützen.
Zur Beteiligung an dieser Bewerbung haben Stiftung Lesen und dbv den Bewerbungstext im Vorfeld auf der Internetseite des dbv veröffentlicht und Vorleseinitiativen, Mitgliedsbibliotheken, Fachöffentlichkeit, Buchhandel, Verlage und die breite Öffentlichkeit über Verteiler und Social Media Kanäle zur Beteiligung und Kommentierung aufgefordert.

8. Risikofaktoren für die Erhaltung der Kulturform

Nennen Sie bitte etwaige Risikofaktoren, welche die Weitergabe, Praxis und Anwendung der Kulturform gefährden könnten. Hierbei sind auch mögliche Folgen einer Eintragung in ein Verzeichnis zu berücksichtigen.

Zentraler Risikofaktor sind eingeschränkte Lesefähigkeiten potenziell vorlesender Personen. In Deutschland konnten 2018 6,2 Millionen Deutsch sprechende Erwachsene zwischen 18 und 64 Jahren nicht richtig lesen und schreiben. Eltern mit eingeschränkten literalen Fähigkeiten lesen seltener vor als Eltern, die gut lesen können (LEO Grundbildungsstudie 2018).
Die Internationale Grundschul-Lese-Untersuchung von 2016 hat belegt, dass knapp ein Fünftel der Zehnjährigen in Deutschland nicht so lesen kann, dass der Text dabei auch verstanden wird (18,9%). Wenn sie diesen Kompetenzrückstand nicht aufholen, werden die späteren Erwachsene mit geringer Wahrscheinlichkeit selbst (ihren Kindern) vorlesen. Umgekehrt hätte bei ihnen selbst frühes Vorlesen den mangelnden Lesefähigkeiten vorbeugen können.
Ein zweiter Risikofaktor liegt im fehlenden Wissen um die Bedeutung des frühen Vorlesens. Deshalb besitzt Vorlesen nicht in allen Familien eine hohe Priorität. Besonders Eltern mit geringer Bildung lesen seltener und weniger regelmäßig vor als höher Gebildete. Väter, die als Lesevorbilder vor allem für Jungen wichtige Impulsgeber sind, verbringen auf andere Weise Zeit mit den Kindern, so dass Mütter als zentrale Vorlesepersonen das weiblich dominierte Image von Lesen schon früh prägen.
Die Mechanismen behindern den Zugang v. a. von Kindern aus bildungsbenachteiligten Familien. Hinzu kommen Einschränkungen für Kinder mit Migrationshintergrund, deren Eltern sich aus sprachlichen Gründen und mangels Texten in ihrer Herkunftssprache mit dem Vorlesen schwertun.
Die Aufnahme von Vorlesen in das Verzeichnis des immateriellen Kulturerbes kann dazu beitragen, Eltern und Akteuren im Umfeld von Familien die Bedeutung des Vorlesens vor Augen zu führen und den Handlungsdruck zum Wohl der Kinder zu erhöhen.
Die Aufnahme in das Verzeichnis kann darüber hinaus die Bedeutung des Vorlesens im digitalen Kontext stärken: Im Zuge der Digitalisierung aller Lebensbereiche verändert sich das Medienverhalten, das auch die Bedeutung der Schrift- und Lesekultur prägt. Vordergründig tritt das Vorlesen durch den medialen Wandel in Konkurrenz zu anderen Vermittlungsformen und Aktivitäten. Digitale Angebote wie Apps und soziale Medien bieten im Alltag jedoch auch unzählige Leseanlässe und -möglichkeiten. Neben Texte in gedruckten Büchern treten digitalisierte und digitale Formate, die zum Vorlesen genutzt werden können.
Studien belegen eine Krise des privaten Lesens und der Buchkultur, bedingt durch ein verändertes Freizeitverhalten aufgrund der zusätzlichen medialen Angebote Dem steht die wachsende Beliebtheit von öffentlichen Lesungen gegenüber. Die Aufnahme in das Verzeichnis würde Bewusstsein schaffen für die Vorlesetradition als Teil der Lese- und Buchkultur sowohl in privaten als auch öffentlichen Kontexten und die aktiven Kulturerbeträger*innen unterstützen und bestärken.

9. Bestehende und geplante Maßnahmen zur Erhaltung und kreativen Weitergabe des Immateriellen Kulturerbes

Bitte stellen Sie dar, welche Maßnahmen von den Trägerinnen und Trägern der Kulturform umgesetzt wurden bzw. werden, um den Fortbestand des Immateriellen Kulturerbes zu sichern und welche Maßnahmen für die Zukunft geplant sind. Erhaltungsmaßnahmen dienen der Bewusstseinsbildung, der Förderung, der Weitergabe, insbesondere durch schulische und außerschulische Bildung, der Ermittlung, der Dokumentation, der Erforschung, der Aufwertung sowie der Neubelebung verschiedener Aspekte des Kulturerbes.

Zahlreiche Maßnahmen zielen bereits darauf ab, Vorlesen zu fördern und die zentralen Akteure für das Vorlesen zu gewinnen. Dazu gehören die kontinuierliche Unterstützung derjenigen, die bereits vorlesen, mit Information und Service-Angeboten sowie die Sensibilisierung und Motivation jener, die bisher nicht vorlesen, und ihr Umfeld. Beispielhaft stehen dafür Projekte und Kampagnen der Antragsteller sowie vieler weiterer Akteure in Deutschland und weltweit.
In Deutschland adressiert die Stiftung Lesen gemeinsam mit ihren Partnern Eltern direkt im Rahmen des „Lesestart“-Programms sowie mit dem Service-Angebot „einfachvorlesen.de“. Das „Netzwerk Vorlesen“ bündelt und koordiniert bundesweit Aktivitäten von Einrichtungen, regionalen Initiativen und einzelnen ehrenamtlich Engagierten. Der „Bundesweite Vorlesetag“ aktiviert jährlich im November politische, gesellschaftliche und kulturelle Akteure, Fachkräfte und Privatpersonen. 2018 haben mehr als eine viertel Million Akteure Kindern vorgelesen. Im Vorfeld des Aktionstages veröffentlicht die Stiftung Lesen jährlich eine wissenschaftliche Studie, die die Situation des Vorlesens in Deutschland sowie Fragen zur Bedeutung und Wirkung von Vorleseimpulsen beleuchtet. Mit hoher Medienaufmerksamkeit ist das Thema in den vergangenen Jahren stärker in das öffentliche Bewusstsein gerückt. Dies befördert auch die flächendeckende Einbindung von Multiplikatoren und Einrichtungen: Beispielsweise arbeitet das „Lesestart“-Programm mit mehr als 85% der im Bundesgebiet niedergelassenen Kinderärzte sowie mit ca. 60% aller öffentlichen Bibliotheken zusammen.
Leseförderung ist neben der Medienversorgung eine der primären Aufgaben Öffentlicher Bibliotheken. Mit eigenen Kinder- und Jugendbibliotheken schaffen sie einen Bereich in der Bibliothek, der auf die Bedürfnisse der Zielgruppe ausgerichtet ist und neben dem Zuhause und der Kita einer der zentralen Orte für das frühe Vorlesen ist. Vorlesende finden geeignete Medien für alle Zielgruppen, die sie in der Regel kostenfrei nutzen können. Bibliotheken kooperieren eng sowohl mit Schulen und Kitas als auch mit Einrichtungen der Kinder- und Jugendhilfe aus dem non-formalen Bereich. Gerade in der frühkindlichen Leseförderung wurde das Veranstaltungsangebot für Familien und Kitas in den letzten Jahren stark ausgebaut – auch dank des Programms „Lesestart“. Die Bibliotheken arbeiten eng mit Personen zusammen, die regelmäßig ehrenamtlich in ihren Räumen vorlesen. Kitas können mit ihren Gruppen an Vorleseveranstaltungen teilnehmen. Kinderbibliothekar*innen bieten zudem auch Schulungen für pädagogische Fachkräfte und andere Multiplikator*innen der frühen Leseförderung an. Der Deutsche Bibliotheksverband fördert über seine Beteiligung am Programm „Kultur macht stark. Bündnisse für Bildung“ seit 2013 Projekte zur digitalen Leseförderung für Kinder ab 3 Jahren. Mit der Initiative „Gütesiegel Buchkindergarten“ zeichnet der Deutsche Bibliotheksverband gemeinsam mit dem Börsenverein des Deutschen Buchhandels im Oktober 2019 erstmals Kitas aus, die sich um die frühe Leseförderung verdient machen. Auf der Internetseite der Initiative sollen Einrichtungen Anregungen für das frühe Vorlesen im Kitaalltag erhalten.
Seit 1959 verortet der „Bundesweite Vorlesewettbewerb” des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels das Vorlesen in der Schule und motiviert Kinder der sechsten Klassen Geschichten laut vorzulesen. Damit wird bereits in dieser Generation für das kulturelle Erbe sensibilisiert, das die Kinder später selbst wieder weitergeben.
Im internationalen Raum ist das britische „Bookstart”-Programm wegweisend. Es hat weltweit mehr als 30 Adaptionen gefunden. Auch „Lesestart“ gehört zu den von „Bookstart“ inspirierten und für Deutschland adaptierten Programmen.
Die wachsende Zahl von Lesungen in Literaturhäusern, Buchhandlungen, Bibliotheken und anderen Kultureinrichtungen sowie Literaturfestivals bietet für Erwachsene bundesweit vielfältige Möglichkeiten der Pflege des Kulturerbes.