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Geschichte

Die Geschichte der deutschen Gefangenenbüchereien ab 1848

Der folgende Text ist eine Zusammenfassung des Aufsatzes:

Gefangenenbüchereien als Zeitzeugen
Streifzug durch die Geschichte der Gefangenenbüchereien seit 1850
Gerhard Peschers
In: Begleitbuch zur Ausstellung Ketten-Kerker-Knast: Zur Geschichte des Strafvollzugs in Westfalen
Hrsg. von Maria Perrefort, S. 123-141
Datei-Format: pdf, Datei-Größe: 132 KB


Als 1848 das erste deutsche Zellengefängnis in Bruchsal eröffnet und damit die Einzelhaft eingeführt wurde, spielte die Gefangenenbücherei schon eine zentrale Rolle. Der damalige Direktor dieses Gefängnisses sah sie als Mittel zur Belehrung und Besserung der Gefangenen, zur Weiterführung des Schulangebotes und als Ersatz für die Gesellschaft und das Zusammenleben mit anderen Menschen an.
Der Bestand wurde konfessionell getrennt und gliederte sich in 3 Gruppen:

  • Gebet- und Erbauungsbücher
  • Erbauliche Unterhaltungsschriften
  • Belehrende Schriften
  • Unterhaltende Literatur wurde ausgeschlossen, da sie angeblich mit dem Strafzweck unvereinbar war.

Die Bücherei wurde mit öffentlichen Mitteln und der Privatwohltätigkeit finanziert und aufgebaut. Trotzdem ließ der Bestand sehr zu wünschen übrig.

1864 erfolgte die Betreuung der Gefängnisbibliotheken durch "Lehrer oder Geistliche"1, die darum bemüht waren, eine deutliche Abgrenzung gegen die schändlichen Einflüsse der kommerziellen Leihbibliotheken und die anstößige Literatur zu schaffen. Die Bibliothek wurde weiterhin als wichtiges Mittel für die Besserung der Gefangenen angesehen.

Am Ende des 19. Jahrhunderts verstand man unter diesem Besserungsgedanken meistens die moralische Besserung. Deshalb wurden die Bücher an die Gefangenen individuell verteilt, damit an jeden Leser das passende Buch gelangte. Das Leseangebot wurde damals aus folgenden Gründen als notwendig angesehen:

  • "Die Gedanken während des Lesens vom Bösen abzuziehen und zum Guten hinzulenken,
  • den Entlassenen die Gewöhnung an das Lesen als segensreiche Mitgift mitzugeben und
  • dem Geistlichen Anknüpfungspunkte für die spezielle Seelsorge zu bieten."2
  • 1889 publizierte Carl Krohne das "Lehrbuch für Gefängniskunde", nach dem jede Gefangenenbibliothek mindestens 3 Bücher je Haftplatz besitzen und folgende Bücher enthalten sollte:
  • "Religionsbücher je Konfession (Bibeln, Neue Testamente, Biblische Geschichten, Gesangbücher, Erbauungsbücher)
  • Schul- und Lehrbücher (Deutsches Lesebuch, Rechenbücher, Atlanten, Liederbücher, Zeichenvorlagen)
  • Lesebücher unterhaltenden und belehrenden Inhalts
  • Bücher aus folgenden Abteilungen sollten vorhanden sein:

Kleinere Erzählungen und Volksschriften; Größere Erzählungen und Romane; Geschichtliche Bücher; Geographische Bücher und Reisebeschreibungen; Naturbeschreibungen; Technische Bücher; Zeitschriften und Fremde Sprachen".3

In der Praxis wurden folgende Bücher ausgeschlossen:

"Bücher zum Lachen oder zur Tagespolitik, die Werke oder auch nur die Gedichtsammlungen unserer Klassiker Schiller, Goethe, alles Phantastische, Sentimentale, Apokalyptische, alle Zänkerei über Konfessionen"4. Auch antichristliche Literatur; Kriminalgeschichten und Romane gehörten nicht in eine Gefangenenbücherei.

Beim Bestandsaufbau wurde neben den konfessionellen auch auf geschlechtsspezifische Differenzen geachtet.

1901 entschied man sich auf der 12. Versammlung des "Vereins der deutschen Strafanstaltsbeamten" in Nürnberg dafür, bestimmte, sorgfältig ausgewählte Klassiker und Romane (sie sollten "ein notwendiges Korrelat zu den Mitteln der religiösen Beeinflussung bilden"5) in die Gefängnisbibliotheken aufzunehmen. Da auch bei den Jugendschriften eine höchst präzise Auswahl getroffen werden musste, wurde für beides eine gemeinsame Kommission gebildet. Diese war für die Herstellung und regelmäßige Fortführung eines Musterkataloges zuständig.

Der Strafvollzug strebte die religiös-sittliche Rehabilitierung der Gefangenen an, weshalb Bibliothekare für die Gefängnisbibliotheken gefordert wurden. Diese sollten die "pädagogisch wertlosen" Bücher entfernen und die Bücher für die Gefangenen individuell auswählen.

1906 sollte laut Wilhelm Speck von der bisher durchgeführten plumpen Pädagogik Abstand genommen werden. Der Erziehungsgedanke und die Bildung in den Anstalten sollten aber durchaus erhalten bleiben. Um die religiöse Überfrachtung der Gefangenen einzustellen, sollte die Literatur mit religiösem Inhalt zusätzlich angeboten, aber nicht aufgedrängt werden. Nach Speck war zu dieser Zeit die Intention der Gefangenenbüchereien folgende: "Der Förderung der geistigen, moralischen, und religiösen Besitztümer des Gefangenen, ja der Erhaltung seiner Lebenskraft überhaupt, dient nun mit anderen Einrichtungen in hervorragender Weise auch die Anstaltsbücherei."6

Nach dem 1. Weltkrieg gerieten die Gefangenenbüchereien in eine Notlage. Es wurde festgestellt, dass die Bestände "[...] nicht nur eine viel zu geringe Zahl von Büchern, sondern darunter viele wertlose Schriften enthalten, viele Traktätchen und wertlose Literatur vorherrschen und wertvolle, wissenschaftliche und unterhaltende Bücher fehlen [...]".7 Diese mangelnde geistige Nahrung wurde als Grund für die sehr häufig auftretenden Meutereien und anderen Vorfällen angegeben.Für literarische Neuanschaffungen fehlte es zwar an materiellen Mitteln, doch eine geistige Erneuerung konnte trotzdem eingeführt werden: Der Erziehungsgedanke sollte in der Regelung der Vollzugspraxis an die Stelle des früheren Vergeltungs- und Besserungsverständnis treten. Für die Erziehung zu einer kritischen Urteilsbildung wurde vor allem vor Liebesromanen, Krimis und vor ethisch minderwertiger Ware gewarnt.

In der Zeit von 1923 bis 1932 gab es nun durchaus Gefangenenbüchereien, die, wie z. B. in Herford oder Bautzen, nach unserem heutigen Erkenntnisstand kundenorientiert arbeiteten und ein hohes Maß an neu integrierter bibliothekarischer Fachlichkeit bezeugten.

Ab dem Jahre 1933 beherrschte der Nationalsozialismus den Strafvollzug. Der bisher durchgeführte Strafvollzug wurde abgewertet und durch den angeblich "[...] größten und wahrhaft modernsten Strafvollzug in der Welt [...]"8 ersetzt. Nach der Dienst- und Vollzugsordnung aus diesem Jahr bestanden die Aufgaben der Gefangenenbüchereien darin, Bücher mit nationalsozialistischem Inhalt zu beschaffen, sowie Bücher und Schriften mit undeutschem Inhalt auszuschließen!

Im Jahre 1940 wurde die Dienst- und Vollzugsordnung vereinheitlicht. Es sollten nur noch "[...] Bücher mit rechter Auffassung der deutschen Art, des deutschen Volks und des deutschen Staats Lebenswerte vermitteln".9 Daher fanden umfangreiche Bücheraussonderungen statt und der Bestandsaufbau spiegelte die Ausrichtung auf Faschismus, Rassismus und Antisemitismus wider. Da Rundfunk und Film zu dieser Zeit verboten war, wurden die Bücher "zur seelischen und geistigen Beeinflussung [...]"10 der Strafgefangenen benutzt.

Die Leitung einer Gefangenenbücherei durfte nur noch durch einen Lehrer erfolgen.
Der Erziehungsgedanke, der weiterhin Leitmotiv im Strafvollzug war, wurde auf den Nationalsozialismus ausgerichtet.

Nach 1945 wurden die nationalsozialistisch geprägten Bücher aus den Gefangenenbüchereien wieder entfernt und man löste sich vom Anspruch der pädagogischen Sinngebung. Die Gefangenenbüchereien sollten sich zu Dienstleistungseinrichtungen entwickeln, die sich an den Interessen der Benutzer orientieren und die belehrenden, aufrichtenden und unterhaltenden Werke in Freihandbüchereien präsentieren.

Die Dienst- und Vollzugsordnung von 1961 besagt, dass die Gefangenenbüchereien Erfahrungen aus den Volksbüchereien verwerten und möglichst mit Freihandausleihe arbeiten sollten.

1986 wurde vom Deutschen Bibliotheksinstitut ein Gutachten über "Bibliotheksarbeit in Justizvollzugsanstalten" erstellt, an das man sich bei der Organisation einer Gefangenenbibliothek halten kann.


1 Vgl. Paul Büttner: Reglementarische Bestimmungen für die preußischen Strafanstalten, unter Zugrundelegung des Strafanstalts-Reglements, Anklam 1880, S. 4

2 Alfred Bienengräber: Die Wichtigkeit der Bibliothek und deren Handhabung, in: Blätter für Gefängniskunde, 5 (1875), S. 337

3 Carl Krohne: Lehrbuch der Gefängniskunde unter Berücksichtigung der Kriminalstatistik und Kriminalpolitik, Stuttgart, 1889, S. 486 f.

4 Rommel: Von der Einrichtung und Verwendung der Anstaltsbibliotheken, in: Blätter für Gefängniskunde, 1 (1871), S. 12

5 Gutachten für die Vereinsversammlung in Nürnberg (...), in: Blätter für Gefängniskunde, 1 (1901), S.74-102 und 3 (1901), S. 96

6 Vgl. Wilhelm Speck: Über Gefangenenbibliotheken, Separat-Ausdruck aus: Eckart - Ein deutsches Literaturblatt [ca. 1906], S. 11 f.

7 Alexander Klein: Die Vorschriften über Verwaltung und Vollzug in den Gefangenenanstalten der Preußischen Justizverwaltung, 4. Aufl. Berlin 1924, S. 224

8 Beiträge zur Rechtserneuerung: Gemeinschaftsarbeiten aus der Rechtspflege, hg. von Roland Freisler, H. 1: Gedanken über Strafvollzug an jungen Gefangenen, [ca. 1935], S. 1 f.

9 Vereinheitlichung der Dienst- und Vollzugsvorschriften für den Strafvollzug im Bereich der Reichsjustizverwaltung (Strafvollzugsordnung). [Reihe] Deutsche Justiz. Rechtspflege und Rechtspolitik. Amtliches Blatt der Deutschen Rechtspflege. Amtliche Sonderveröffentlichungen der Deutschen Justiz, Nr. 21, Berlin 1940, S. 43

10 Max Wiese: Die Bedeutung des Buches für den Gefangenen, in: Blätter für Gefängniskunde, 1 (1943), S. 68

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