Jerichower Schreibrunde

Projektbeschreibung

Das AWO-Fachkrankenhaus in Jerichow öffnet sich seit 14 Jahren den Schreibwilligen. Sie treffen sich seitdem regelmäßig. Anfangs gab es Bedenken. Fragen, wie das denn gehen solle zwischen Schriftstellern, Künstlern und Patienten. Vertrauen und Einfühlungsvermögen gehören dazu, Rücksicht und Geduld. Wie sollen solche Beziehungen wachsen?

Was der Patient äußert, darf nicht verändert werden! Schon möglich, das eindrucksvoll ist, was da entsteht. Aber eS gehört nicht auf eine Bühne! Das meinten manche. Sie haben gelernt. Voneinander. Miteinander.

Sie sind anspruchsvoll geblieben und bescheiden geworden. Der Chefarzt, der die Klinik leitet, gehörte von Beginn an zur Schreibrunde. Er hörte einfach nur zu. Manchmal erklärte er auch aus medizinischer Sicht, was sonst unverständlich bleiben würde. Eine Ärztin begann, selbst zu schreiben, mitzudenken, mitzureden und mitzuhelfen.
Erzählt werden können Geschichten, die mit dem eigenen Leben zu tun haben, mit der Krankheit und ihren Folgen. Wie erlebe ich sie und wie reagieren Verwandte, Nachbarn, Freunde und Kollegen darauf? Viele Fragen quälen. Sie sich zu stellen, dazu gehört Mut. Mut braucht auch der, der darüber schreibt. Aber er hilft sich und anderen damit. Wer nicht selber schreiben will. erzählt oder hört nur zu. Es geht um Hoffnungen und Wünsche, um Eltern und Kinder uns auch um das Alleinsein. Das geht jeden an.

Deshalb trafen sie sich in den Schreibrunden, die inzwischen auch an anderen Orten stattfanden. So blieben sie erreichbar auch für längst Entlassene. In Verbindung sind sie durch die Homepage, die ein geschützter Raum ist.

Es hat sich herumgesprochen, was sie tun. Manusskripte werden ihnen zugeschickt, Einladungen kommen. Viele haben die Inseln inzwischen entdeckt. Das Zauberwort heißt Berührung. Danach suchen alle. Alle, die ihre Geschichten aufschreiben, die ihr Leben erzählen, die sich damit auseinandersetzen.

Fünf Anthologien sind entstanden, Kalender und das Journal. In großen und kleinen Veranstaltungen gaben sie Auskunft über sich. Sie trafen sich außerhalb der Klinik, luden zu Workshops ein, berichteten und lasen in verschiedenen Städten. Sie haben überall Verbündete gefunden und Betroffene.

In der Schreibrunde redeten sie über Glück und Unglück, über das Vergessen und Vergessenwerden. Im Workshop wird geschrieben, szenisch getanzt, Theater gespielt und gemalt. Am Sonntagnachmittag werden die Ergebnisse in einer großen öffentlichen Veranstaltung dargeboten. Manchmal feiern sie auch. Unbeschwert und fröhlich sind sie dann.

Und doch bereit, den einen oder anderen aufzufangen, wenn ihn sein Unglück einholt, wenn die Stimme versagt, weil Schreckensbilder aufleben.
Das Unglück kann Vater heißen. Auch Mutter. Es bleibt, auch wenn Vater oder Mutter längst nicht mehr sind. Es heißt dann vielleicht Mann doer Frau . Oder wird selbst zum Unglück für andere, vielleicht sogar für ein Kind.
Das Unglück kann auch Angst heißen. Die Angst hat viele Wurzeln.
Der eine fürchtet sich vor dem Tag, der andere vor der Nacht. Einer vor allem, was größer ist als er selber, der andere vor Kellerräumen, Pusteblumen, weißen Kitteln. Jeder von uns könnte diese Aufzählung auf seine Weise fortsetzen. Nicht jeden macht Angst krank. Aber die Krankheit kann jeden treffen.
"Wir müssen achtsam sein mit uns und dem anderen." Das ist die Botschaft des Projekts.