Hör-Zelt
Die Geschichte der "Klugen Bauerntochter" der Gebrüder Grimm und die Musik von Carl Orffs Oper "Die Kluge" als Kinderoper
Projektbeschreibung
Das „Hör-Zelt“ – ein Kooperationsprojekt des Staatstheater Nürnberg und Stadtbibliothek Nürnberg.
Hören und Zuhören gelten gemeinhin als Fähigkeiten, die nicht erst erlernt werden müssen. Doch tatsächlich muss das Zuhören im Unterschied zum Hören als Wahrnehmen einer Information erlernt werden. Zuhören ist ein aktiver Vorgang, der der Schulung bedarf. Dass gerade in der heutigen Zeit Bedarf am Erlernen der Zuhör-Kompetenz im hohen Maß besteht, belegen die vehement zunehmenden Klagen über die mangelnde Konzentrations- und Wahrnehmungsfähigkeit von Kindern.
Im März 2009 startete die Musiktheaterpädagogin Gudrun Bär im Staatstheater Nürnberg ein neues Projekt für Kindergartengruppen und Grundschulklassen: „Ohren auf und los! Vom Geräusch zur klassischen Musik“. Ort der Veranstaltung ist das in einem Probenraum des Staatstheaters aufgebaute große Zelt, das so genannte „Hör-Zelt“ (Durchmesser ca. 6 Meter), welches mit einem Bodentuch und Kissen ausgestattet ist. Dieser Raum im Raum und die Abgeschlossenheit des Zeltes bieten die Möglichkeit zur Konzentration und inneren Ruhe. Während der ca. 1,5 stündigen Veranstaltung werden die Kinder darauf eingestimmt ihren Fokus auf ihren Hörsinn zu legen, um dann das Gehörte auf verschieden synästhetische Weise selbst umzusetzen.
Im Rahmen der Kooperation des Staatstheaters und der Stadtbibliothek Nürnberg erweiterte Gudrun Bär zusammen mit der Lesebeauftragten Petra Bamberger das ursprüngliche Konzept um den Aspekt des Vorlesens einer Geschichte und deren szenischer Umsetzung. Im Saal der Stadtteilbibliothek südpunkt wurde das Zelt für jeweils eine Woche aufgeschlagen und von 10 Schulklassen besucht. Nach einer kurzen Darstellung des Programms, stimmte Gudrun Bär die Ohren der kleinen Zuhörer mit einem Hör-Spiel ein. Petra Bamberger las nun die Geschichte „Die kluge Bauerntochter“ nach den Gebrüdern Grimm. Das Vorlesen wurde von Gudrun Bär an prägnanten Textstellen durch Musikeinspielungen und Fragen zum Textverständnis (wie zum Beispiel das Abklären der Begrifflichkeit des Textgegenstandes „Mörser“ und das gemeinsame Lösen des Rätsels im Märchen mit den Kindern) unterbrochen. Im Anschluss an die Geschichte besprach Gudrun Bär mit der Klasse Begrifflichkeiten wie Theater, Oper, Komponist, Kostüm, Perücke, Bühnenbild, Dirigent. Vor einer kleinen Pause im Saal wurde die Kinder von den beiden Leiterinnen in eine Schauspieler- und eine Musikergruppe eingeteilt.
Während die Schauspielerkinder mit Petra Bamberger drei Szenen des Märchens auf der Bühne des Veranstaltungsraumes erarbeiteten, fanden die Musikerkinder in einem separaten Probenraum unter der Leitung von Gudrun Bär die dazu begleitende Musik. Mit Orff- Instrumenten wurden eine „Streit-Musik“, eine „Einschlafmusik“ und ein Hochzeitsmarsch-Musik „komponiert“. Im Anschluss an die Einzelproben kam das Orchester in den Saal um mit den Schauspielern eine gemeinsame Generalprobe zu bestreiten. Die erwachsenen Begleitpersonen mussten währenddessen im Vorraum warten und wurden erst wieder zu der Aufführung der Oper in den Saal herein gebeten.
Nach der szenischen und musikalischen Darbietung der Kinder versammelte sich die Gruppe noch einmal im Hör-Zelt, um gemeinsam Auszüge der Vertonung des Märchens „Die Kluge“ von Carl Orff zu hören. Die Umsetzung des gehörten Textes durch die szenische und musikalische Erarbeitung eröffneten den Kindern einen aufgeschlossenen und faszinierten Zugang zur Musik und Sprache der Oper. Darüberhinaus wuchsen einige Kinder über sich heraus und erhielten Selbstvertrauen durch den Erfolg.
Fazit
... ein beide Seiten - Musik und Buch- gleichwertig gewichtet sehr homogenes und rundes Programm.
Gerade die Abwechslung zwischen Ruhe, Märchen- und Musikhören - als auch Eigeninitiative- selbst eine Geschichte zu spielen oder Musik dazu zu finden - stellte sich als sehr fruchtbar heraus. Die Kinder waren begeistert bei der Sache. In einem Fall gab sogar es Tränen, weil das Programm vorbei war.
Die Kinder waren durchweg stark bei der Sache, hatten Spaß und brachten sich je nach Möglichkeit ganz engagiert ein.
Die Arbeit mit den Kindern war abhängig von den Schulen auch sehr unterschiedlich:
Eine erste Klasse beispielsweise bestand aus 27 Erstklässlern, allesamt mit Migrationshintergrund. Teilweise hatten die Kinder extreme Schwierigkeiten, Sätze zu bilden oder zu wiederholen. Aber man hatte das Gefühl, dass auch mithilfe der Geschichte und der Musik gewisse Hürden genommen werden konnten und sich die Kinder mit großem Eifer ihrer jeweiligen Aufgabe widmeten.
In einer integrativen ersten Klasse war ein blindes Kind. Der Umgang der Kinder untereinander war sehr faszinierend und die Veranstaltung besonders harmonisch. Diese Klasse präsentierte die erarbeitete Oper nochmal im Rahmen eines Sommerfestes der Schule.
Sehr besonders war die Arbeit mit einer 3./4. Klasse einer Förderschule. 14 Kinder, die allesamt sehr unterschiedlich in ihrem Verhalten und Aufnahmevermögen waren, haben mit so einem Eifer der Geschichte gelauscht, erzählt, innbrünstig Musik gefunden und gespielt, dass man an einigen Stellen zu Tränen gerührt war, wie sehr die Kindern in so kurzer Zeit aus sich herausgegangen und teilweise über sich herausgewachsen sind.
Die Veranstaltungen waren ein sehr großer Erfolg. Und so wird das Projekt auch im kommenden Schuljahr aufgrund der großen Nachfrage an Teilnahme fortgesetzt werden, die Nachfrage ist derart groß, dass sich eine lange Warteliste gebildet hat.
